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Datum: 26.02.2017
Autor: Nantechildis
Thema: Alchemie
Titel: Ingredienzien der Alchemie: Die Alraune
I. Beschreibung, Wirkung und was sonst wissenswert ist

Die Alraune hat kleine, ovale Blätter, bleich bis schwärzlich grün, mit vielen Adern durchzogen. Sie liegen oder hängen auf der Erde, sind buschig angeordnet, dass sie einander überlappen und bedrängen, und haben einen starken und widrigen Geruch. Zwischen den Blättern erheben sich kurze Stiele, die aus der Wurzel sprießen. Auf deren jedem steht eine glockenförmige, fünfblättrige Blume. Die Blütenblätter sind ein wenig rau und von weißer bis purpurner, gelber oder blauer Farbe. Wenn die Blumen verblüht sind, folgen ihnen kleine, runde Äpfel nach, welche höchstens so groß wie eine Mispel, oft deutlich kleiner sind. Sie sind anfangs grünlich, wenn sie aber zu ihrer Reife kommen, werden sie gold-gelb. Die Früchte schließen einige breite, hohle Samen in sich ein, sind saftig und – anders als das Kraut – wohlriechend.

Die Wurzel ist etwa einen Fuß lang, gespalten und manchmal in ein paar Seitenwurzeln zerteilt. Ihre Haut ist braun, während das inwendige Wurzelfleisch weiß und mit einigen Fasern besetzt ist. Die gespaltene Wurzel ähnelt dem Unterleib eines Menschen, mit Seitentrieben und dem spärlichen Krautbusch gar einem behüteten Männlein, weshalb die Alraune auch Menschenwurz, Wurzelknecht oder Springwurz genannt wird. Auch kommt daher, dass man beim Grün eigentlich nicht vom Kraut, sondern dem Schopf, bei der Wurzel nicht von der Schale, sondern der Haut, nicht von Strängen, sondern Armen und Beinen, nicht von Fasern, sondern Adern, nicht vom Saft, sondern vom Blut, nicht vom Holz, sondern vom Fleisch der Alraune spricht. Von anderen wird sie ob ihrer Wirkung Dollwurz und Zauberwurzel gerufen. Weil sie oft am Fuße von Bäumen wächst, an denen ein Verbrecher gehängt wurde, heißt sie auch Galgenmännchen.

Mancherorts wird gesagt, die Alraunen seien, wie die Menschen und Tiere, in weibliche und männliche geschieden, weshalb man sagt ‚die Alraune’ und ‚der Alraun’. Auch dass sie, so man sie unzeitig aus dem Boden reißt, einen Schrei ausstoßen würden, der dem Gärtner den Tod bringe, wovon sich auch im Namen einiges wieder findet, heißen sie doch eigentlich Albraunen, wovon mit dem Alb nicht die Elfen, sondern ein böser Geist, der Nachtalb, gemeint ist, welcher den Menschen im Schlafe mit dem Albdruck heimsucht, das Albraunen aber soviel als einen verhängnisvollen Fluch bedeutet, mit welchem ein unachtsamer Kräutersammler geschlagen.

Die Alraunen wachsen in großer Menge in Ländern wo es warm ist, auf dem Felde oder an bergigen Orten. Man kann sie auch in den Kräutergärten fortbringen, wo sie gute und schattige Erde haben müssen. Ernten soll man sie, so will es der Volksglaube, nur um Mitternacht.

In der Alchemie kann man den Apfel zu einigen schwachen Giften und Schlafmitteln verwenden, als er eine ähnliche Wirkung wie der gemeine Nachtschatten hat, jedoch viel schwächer ist als der tödliche Nachtschatten, die Schwarze Tollkirsche. Jedoch soll hiervon bei der Behandlung des Nachtschattens die Rede sein.

Für uns von besonderem Interesse ist die Wurzel, die man zur Herstellung stärkender Tinkturen verwendet, welche die Körperkräfte wachsen lassen und einem Menschen erlauben, schwerere Gewichte zu heben als er es gewöhnlich kann. Auch wird er weniger rasch erschöpfen. Die Wirkung ist, so der Trank von einem kenntnisreichen Alchemisten gemischt wurde, ganz beachtlich, jedoch stets nur von kurzer Dauer.

Wer die Wurzel nicht selbst ziehen oder sammeln will, der kann sie bei den Kräuterhändlern erwerben. Sie sollte außen von gesunder, brauner Farbe sein, auch ruhig noch etwas Erdenstaub an sich tragen, was sie gegen Fäulnis schützt und zeigt, dass sie trocken gelagert wurde. Wenn man sie in größeren Mengen erwirbt oder sammelt und zur Lagerung in einer Kiste verstaut, dann darf man sie vorher nicht waschen, sondern muss sie so hereinlegen, wie man sie gefunden hat, nur die Blätter und Blüten abbrechen und vorher die Wurzel etwas in der Sonne trocknen lassen, sollte die Erde, aus der sie gezogen worden, allzu feucht gewesen sein. Inwendig muss sie weiß, fleischig, dick und ganz glatt sein, auch ohne zu fasern brechen, keinen Geruch haben, aber etwas bitter schmecken. Wenn man sie anschneidet, so sollte sich nach einiger Zeit eine weiße Flüssigkeit absondern, die dick und sämig ist; aber hiervon nicht mehr als ein kleiner Tropfen oder eine milchige Spur im Schnitt, weil sie sonst zu wässrig ist.

II. Verarbeitung der Wurzel

Zur Verarbeitung wäscht man die Wurzel erst in klarem Wasser und reibt sie mit einer Bürste ab, dann zerschneidet man sie und gibt sie in einen Mörser, wo sie zerstoßen wird. Hiermit sollte man fortfahren, bis man einen faserigen Brei erhält. Diesen erhitzt man sodann und zwar so lange, bis sich auf dem Sud feine, weiße Bläschen zu bilden beginnen, was davon herrührt, dass Fasern und Schale zu schwitzen beginnen und den Wurzelsaft, auf den es uns ankommt, absondern. Man muss dabei Acht darauf geben, dass nichts anbrennt, was man leicht an zu hitzigem Rauch oder Geruch erkennen kann.

Neben dem Ausschwitzen des Wurzelsaftes bewirkt dies Erhitzen auch, dass die bitteren und giftigen Stoffe, so in der Pflanze enthalten sind, sich verflüchtigen und dem Menschen keinen Schaden mehr tun können. Als sie aber in dem Dampf, der hierbei aufsteigt, enthalten sind, soll man sich wohl hüten, sie einzuatmen, wovon man eine schwere Vergiftung erleiden kann. Manche fangen sie auch mit geeigneten Mitteln auf und bereiten aus der kondensierenden Flüssigkeit Gifte und Rauschmittel. Wer aber nicht über gute Apparaturen verfügt, keinen geeigneten Abzug in seiner Trankküche hat oder an einer kranken Lunge leidet, der mag im voraus Abhilfe schaffen wollen, so dass ihm durch die Dämpfe keine Gefahr mehr droht. Hierzu gibt es zweierlei Möglichkeiten: Die aufwändigste besteht darin, dass man die Wurzeln vorher schält, als das Gift vor allem in und unter der Schale sitzt, wo es Nager und andere Tiere, die sich am Gewächs zu schaffen machen wollen, schon des ersten Bissens leidig macht. Hierbei ist von großem Nachteil, dass es viel Zeit und Geduld kostet, auch, weil die Wurzeln knorrig und verwachsen sind und darum viel Verschnitt sich einstellt, auf den Goldbeutel schlägt und die Anzahl benötigter Wurzeln vermehrt. Wenn man dagegen eine größere Anzahl an Wurzeln zu verarbeiten trachtet, so ist es lohnend, dass man folgendermaßen vorgeht: Man lege die vorher geputzten Wurzeln in ein Bad aus Alkohol, Essig und Knoblauchwasser und lasse sie dort über Nacht ruhen, wovon die giftige Wirkung schwindet. Am nächsten Tage spült man sie mit reinem Quellwasser sauber und kann sie dann wie gehabt verwenden, ohne dass beim Erhitzen noch giftige Dämpfe entstehen würden. Aber nun weiter mit der Rezeptur:

Man gibt auf den schwitzenden Sud je Lot Alraunenwurzel, so man verwendet hat, eine Unze Quellwasser, welches vorher erhitzt worden sein muss. Ein weiteres Lot Quellwasser je Lot Alraunenwurzel bereitet man vor.
Das mit dem Wurzelsud zusammen gebrachte Quellwasser wird nun weiter erhitzt, bis es zu sieden beginnt, währenddessen man den Sud durchrühren sollte, als sich so der Saft besser herauslöst. Wenn das Wasser in eine weiße Farbe umgeschlagen ist, seiht man es durch ein feines Sieb, wobei Wurzelfasern und Schalensplitter zurückbleiben. Diesen Rest übergießt man noch einmal mit dem zusätzlich vorbereiteten Quellwasser, so dass ein möglichst großer Teil des Saftes heraus gewaschen wird. Die Schalen- und Wurzelreste kann man nun weggeben, während die milchige Lösung weiter verwendet wird.

Weil das Wasser uns nur dahingehend von Nutzen war, den Wurzelsaft aufzunehmen, der von Fasern und Schale ausgeschwitzt worden ist, geht es nun daran, es wieder zu entfernen. Dazu gibt man die Lösung am besten in einen Kolben und erhitzt sie darin, so dass sie langsam aber stetig eindampft. Allzu sehr übertreiben sollte man es mit der Hitze dabei nicht, damit der Wirkstoff keinen Schaden nimmt, doch muss wohl genug beigegeben werden, dass das Wasser sich verflüchtigt. Man fährt damit so lange fort, bis die Lösung im Kolben wieder dickflüssig und zäh geworden ist.

Mischt man diesem zähen Sud etwas Wachs und Schweinefett bei, so erhält man einen Balsam, der, auf Muskeln und Glieder aufgetragen, Krämpfe und Verspannungen löst, die von zu großer Anstrengung herrühren.

Für unsere Zwecke ist dies jedoch noch nicht ausreichend, sondern es fehlt ein weiterer Schritt. In diesem muss der Sud erhärtet und die im Saft enthaltenen wirkmächtigen Substanzen so in ihrer Reinheit, frei von aller Feuchtigkeit, erhalten werden. Dazu füllt man ihn in kleine Tiegel ab, die zwar verschlossen sein müssen, aber im Deckel ein oder zwei Löcher aufweisen, so dass die Feuchtigkeit entweichen kann. Diese stellt man – was das Beste ist – in einen Athanor, was ein besonderer alchemistischer Ofen ist, und lässt sie dort bei geringer Wärme wenigstens 24 Stunden, besser aber einige Tage lang, reifen. Oder aber man stellt sie an die Sonne, sollte alsdann aber Acht darauf geben, dass sie möglichst gleichmäßig beschienen werden. Für die Wirkung ist dies jedoch nachteilig, da die Sonne meistenteils nicht lange genug am Himmel steht, man den Saft also nur stückweise austrocknen kann, ihn Nachts aber wohl verschließen muss, damit sich kein Tau in dem Gefäß sammelt. Auch lässt es sich so nur an warmen, sonnigen Sommertagen bewerkstelligen.
Am Ende des Vorgangs sollte der ehemals zähflüssige Sud zu einem weißen Harz erstarrt sein. Dies kann nun leicht gelagert und, so man eine Tinktur daraus bereiten will, zerstoßen und in gewünschter Konzentration einem Trank beigefügt werden.

Will man die Wirkung des Trankes noch etwas verbessern, so gibt man auf jede Unze Alraunenharz ein Quentchen Pulver von der Schwarzen Perle, das fein zerstäubt und wie Mehl sein muss. Dies hilft die Kräfte besser haushalten. Weil große Kraft aber nicht nur eine Anstrengung des Leibes, sondern auch des Willens ist, soll man fürderhin den Saft einer Kahino Frucht destillieren, welche die Eigenschaft hat Angst und Zauderhaftigkeit zu nehmen, den Mut und Willen aber zu stärken. Das Destillat gibt man alsdann der Tinktur bei. Hiervon erzielt man eine weitaus bessere Wirkung, als wenn man nur das Alraunenharz verwendet.